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Über das Graduiertenkolleg

Das IPU-KKC-Graduiertenkolleg "Traumata und kollektive Gewalt: Artikulation, Aushandlung und Anerkennung" verfolgt Forschungsprojekte an der Schnittstelle von Psychoanalyse und Kulturpsychologie und verbindet damit psychoanalytische, psychologische, kultur- und gesellschaftsanalytische Perspektiven am Beispiel der interdisziplinären Traumaforschung.

Deren Themen und Anlässe sind vielfältig. Sie reichen von der Klimakrise über Migrationsprozesse und zunehmende gesellschaftliche Polarisierungen bis zu mannigfachen Kontexten von Krieg und anderen Formen von Gewalt. Charakteristisch für die im Kolleg eingenommene Perspektive ist die Integration von subjekt-, sozial- und kulturwissenschaftlichen Ansätzen.

So werden in den Promotionsprojekten nicht nur Themen aus der Psychoanalyse und Kulturpsychologie bearbeitet, sondern auch Befunde aus Philosophie, Soziologie, Ethnologie, Geschichts-, Literatur- und Medienwissenschaften, Cultural-, Religious-, Gender- oder Postcolonial-Studies sowie der kritischen Migrations- und Rassismusforschung. Expertisen aus der Klinischen Psychologie und Psychotraumatologie ergänzen dieses Spektrum.

Die bewährte Kooperation zwischen IPU und KKC mit seinen beiden Standorten an der IPU und der TU Dortmund bietet einen exzellenten Rahmen für die Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses. IPU und KKC übernehmen die Betreuung von je drei Promovierenden. Ein interdisziplinäres Veranstaltungsprogramm in verschiedenen Arbeitsformaten bietet die Möglichkeit zum wissenschaftlichen Austausch und zur Präsentation bzw. Diskussion eigener Forschungsergebnisse. Die Arbeit im Kolleg wird aktuell von Dr. Ines Gottschalk (bis 07/2026) und Paul S. Ruppel (ab 01/2026) koordiniert.

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Drei konstituierende Perspektiven für das Graduiertenkolleg

Nahezu alle Gesellschaften sind durch „historische Verletzungsverhältnisse“ geprägt, in denen sich vielfältige Folgen unterschiedlicher Formen bisweilen auch exzessiver kollektiver Gewalt beobachten lassen. Auf dem Weg intergenerationaler Übertragungen können auch traumatische Erfahrungen ein integraler Bestandteil psychischer Wirklichkeiten und sozialer Praxen bleiben, ohne dass dies den beteiligten Menschen gänzlich bewusst sein müsste. Dies gilt für die Nachkommen aller betroffenen Personen, unabhängig davon, ob sie Gewalt ausgeübt, erlitten oder ihr beigewohnt haben. In jüngerer Zeit zeichnet sich in der multi- und interdisziplinären Forschung, aber auch in einschlägigen politischen Diskursen über die Auswirkungen kollektiver Gewalt ein Konsens ab, der die große Bedeutung der öffentlichen Artikulation erlittener Verletzungen und ihrer Anerkennung durch die Gruppen der Täter und Zuschauer sowie ihrer Nachkommen hervorhebt. Die Bezeugung von Ungerechtigkeit, Gewalt und Leid sind wichtige Bestandteile ihrer politischen Aufarbeitung und psychosozialen Verarbeitung. Das Graduiertenkolleg stellt sich die Aufgabe, die besonderen Lagen und Herausforderungen in solchen gesellschaftlichen Figurationen zu erforschen und dabei psychologische und soziologische, psycho- und sozioanalytische Perspektiven ins Zentrum zu rücken, aber auch andere disziplinäre Blickwinkel – etwa ethisch-moralische, politische, mediale oder rechtliche – zu berücksichtigen.

In historischen und in soziokultureller Hinsicht bisweilen auch spezifischen Verletzungsverhältnissen zu leben und leben zu müssen hat Folgen für die Verständigung zwischen Angehörigen von gesellschaftskonstituierenden Gruppen, die eine möglichst allseits erträgliche Form der friedfertigen Koexistenz finden sollten. Die wissenschaftliche Bedeutung dieser Thematik und ihres Potentials für sowohl grundlagentheoretische wie auch anwendungsorientierte Beiträge zeichnet sich seit längerem ab. Jessica Benjamins Theorie der intersubjektiven Anerkennung und so verschiedenartige Arbeiten wie jene von Paul Ricœur, Burkhard Liebsch, Dan Bar-On oder Pumla Gobodo-Madikizela stellen dafür facettenreiche Exempel dar. Die öffentliche Aussprache über die mit starken Affekten und Emotionen verbundenen Gewalterfahrungen kann heute als eine unabdingbare Voraussetzung für die Annäherung und das zerbrechlich bleibende Auskommen zwischen ehemals verfeindeten, jedenfalls in Gewaltpraktiken verstrickte Gruppen angesehen werden. Diese Voraussetzung ist allerdings schwer zu erreichen. Gerade in sozial- und kulturpsychologischer sowie psychoanalytischer Perspektive wird deutlich, auf wie viele Hürden die verständigungsorientierte Kommunikation im genannten Feld stoßen kann. Dazu gehören, neben den anhaltenden Leiden der versehrten, in ihrem Erlebnis- und Handlungspotential erheblich beeinträchtigten Subjekte, insbesondere Schuld- und Schamgefühle oder auch moralische Anklagen und Verurteilungen, die es allen Beteiligten schwermachen können, in einen produktiven Dialog zu gelangen. Auch politische Positionen und Bedingungen müssen diesbezüglich berücksichtigt werden. Bis heute sind öffentliche Eingeständnisse kollektiver Gewalt und zugefügten Leids nicht überall erwünscht. Die damit einhergehenden Aushandlungen sind konstitutiv für spätmoderne Gesellschaften. Ohne sie ist auch der im Graduiertenkolleg interessierende Dialog erheblich erschwert, mitunter unmöglich.

In konstruktiven Gesprächen, in denen die Beteiligten aufeinander zugehen und einander zu verstehen versuchen, auf Seiten der Täter und Zuschauer vielleicht sogar um Vergebung bitten, sind die Bezeugung der Vergangenheit und die Anerkennung des zugefügten und erlittenen Leids oberstes Gebot. Ohne entsprechende Bemühungen um Verständigung und irgendeine Form, wenn schon nicht der Verzeihung und Versöhnung, so doch der empathischen Annäherung an die Anderen ist ein friedliches, zugewandtes Zusammenleben zwischen den anhaltend konfliktträchtigen Gruppen langfristig kaum vorstellbar. In solchen Fällen unterlassener Verständigung ist vielmehr die unterschwellige Fortsetzung und manifeste Wiederbelebung historischer Verletzungsverhältnisse zu erwarten, einschließlich der erneuten Eskalation sozio-politischer Konflikte zwischen Gruppen jedweder Provenienz und Größenordnung.

Ohne öffentliche, nicht zuletzt ohne eine geschichtenförmige, narrative Artikulation erlittener (physischer, psychischer und symbolischer) Verletzungen sowie deren Anerkennung durch die ehemaligen Täter:innen und Zuschauer:innen und ihre Nachkommen laufen Gesellschaften und Gemeinschaften stets Gefahr, historische Verletzungsverhältnisse in transformierter Gestalt zu reproduzieren, noch Jahrzehnte und Jahrhunderte nach den initialen Geschehnissen im Rahmen einer Geschichte exzessiver kollektiver Gewalt. Diese Geschichte sollte in politischen Kulturen, die in der Bezeugung und Anerkennung von langfristig verletzten, womöglich nachhaltig beschädigten Menschen einen hohen moralischen Wert erkennen, das kommunikative und kulturelle Gedächtnis aller relevanten Gruppen prägen. Das Risiko sich performativ fortsetzender Verletzungsverhältnisse und die Gefahr erneuter Gewaltexzesse zwischen ehemals verfeindeten Gruppen kann als anhaltender und struktureller Bestandteil zahlreicher Gesellschaften des 21. Jahrhunderts gelten. Solche Risiken und Gefahren lassen sich nicht zuletzt in allen europäischen Einwanderungsgesellschaften beobachten. Sie sind ausnahmslos durch Geschichten exzessiver Gewalt und die damit verwobenen, nicht vergangenen Vergangenheiten gekennzeichnet. Auch soziale Traumata gehören zum seelischen Fundament dieser Gesellschaften, deren Praxis zutiefst von zugefügten und erlittenen Verletzungen mitbestimmt sein kann – einerlei, ob die Menschen das nun stets bemerken, bewusst bedenken und berücksichtigen oder nicht.

Für die Linderung des vielfältigen Leids unterschiedlich betroffener Subjekte spielen nicht nur die soziale Unterstützung und im Bedarfsfall die therapeutische Behandlung, sondern auch die öffentliche Artikulation, die gewissenhafte Bezeugung und intersubjektive Anerkennung der erlittenen Gewalt und speziell der posttraumatischen Belastungen eine überaus wichtige Rolle. Ohne Möglichkeiten der bestätigenden Kommunikation über die erlittenen Versehrungen und ihre Folgen wird den Opfern kollektiver Gewalt erneut und fortgesetzt Unrecht zugefügt. Dies zu vermeiden, ist eine soziale und politische Aufgabe ersten Ranges. Zu ihrer Erfüllung können auch die Wissenschaften einen Beitrag leisten. Ihre im Forschungsdialog mit den betroffenen Menschen gewonnenen Erkenntnisse bilden eine wichtige Grundlage für die kognitiv und vor allem emotional herausfordernde Verständigung in Gesellschaften, in denen Spuren von Gewalt alltäglich sind und die Interaktionen zwischen Gruppen oder Individuen nachhaltig bestimmen können. Dies gilt unter anderem für Gesellschaften, in denen Verteilungskämpfe um materielle und psychische Resourcen zu wachsenden Spannungen und Konflikten führen; es gilt für intergenerationale Konflikte wie sich aktuell unter anderem in der Klimadebatte zeigen; für verschiedenste Formen und partiell etablierte Strukturen von Diskriminierung; so auch für postmigrantische Einwanderungsgesellschaften, in denen nicht nur kulturelle Unterschiede, sondern auch oftmals unabgeschlossene Geschichten zugefügter und erlittener Gewalt besondere Herausforderungen für wechselseitige Toleranz und eine friedliche Koexistenzdarstellen.

Vergessen, Verschweigen, Verleugnen, Verstecken, Verdrängen und verwandte Weisen des Ungeschehenmachens oder Ignorierens stellen in historischen Verletzungsverhältnissen keine annehmbare Option dar – jedenfalls dann nicht, wenn das friedfertige Zusammenleben heterogener Gemeinschaften und Gruppen angestrebt wird. Die offene Aussprache und die an Kriterien der Wahrhaftigkeit und Wahrheit orientierte Aushandlung strittiger Aspekte der Vergangenheit und Gegenwart sind notwendige Bedingungen einer Befriedung des Zusammenlebens ehemaliger Gegner oder verfeindeter Gruppen.

Die Institutionen

Internationale Psychoanalytische Universität Berlin

Hans Kilian und Lotte Köhler Centrum

Aktuelles

Zum 01.01.2026 ist das KKC von der Ruhr-Universität Bochum an die Internationale Psychoanalytische Universität (IPU) Berlin und Technische Universität (TU) Dortmund gezogen. Aladin El-Mafaalani (Professur für Migrations- und Bildungssoziologie an der TU Dortmund) wird das KKC mit Pradeep Chakkarath (IPU) und Jürgen Straub (ab 01.08.2026 an der IPU) als dritter Co-Direktor gemeinsam leiten. Sowohl mit der IPU Berlin als auch mit der TU Dortmund pflegt das KKC bereits langjährige Beziehugnen, die nun vertieft und dauerhaft etabliert werden.

Ab August 2026 übernimmt Paul S. Ruppel die Koordination des Graduiertenkollegs. Bis dahin erfolgt die Koordination gemeinsam durch Dr. Ines Gottschalk und Paul Ruppel.

Für Oktober 2027 ist der Beginn einer neuen Förderphase des Graduiertenkollegs geplant. Weitere Informationen zum neuen Thema des Graduiertenkollegs und weiteren Einzelheiten folgen. Die Ausschreibung von sechs Promotionsstipendien ist für Anfang 2027 geplant.

Symposium "Rechtsextremismus und Rechtsterrorismus. Interdisziplinäre Perspektiven auf Gewalt, Erinnerung und gesellschaftliche Aushandlung" (organisiert von Yassir Jakani)
Do., 13.11.2025 | 16 - 20 Uhr | Ruhr-Universität Bochum, HGD 20 

Lesung und Diskussion mit Çetin Gültekin und Mutlu Koçak "Geboren, aufgewachsen und ermordet in Deutschland. Das zu kurze Leben meines Bruders Gökhan Gültekin und der Anschlag von Hanau".

Fr., 14.11.2025 | 10 - 16 Uhr | Ruhr-Universität Bochum, GD 03/230 und Zoom

Vorträge und Diskussion mit Dr. Barbara Manthe (Universität Bielefeld), Prof. Dr. Esther Lehnert (Alice Salomon Hochschule Berlin) und Prof. Dr. Gabriele Fischer (Hochschule München).

Die Veranstaltung war eine gemeinsame vom Marie Jahoda Center for International Gender Studies (MaJaC) und dem KKC. Weitere Informationen zum Programm finden Sie auf dem Ankündigungsplakat.


Symposium "Gewalt - Subjektive Erfahrungen in kollektiven Verhältnissen" (organisiert von Anna Schmidte, Paul Schreiber und Doreen Zeymer-von Metnitz)
Fr., 09.05. und Sa., 10.05.2025 | IPU Berlin, Hörsaal 4

Das Symposium widmete sich der Auseinandersetzung mit subjektiven Erfahrungen von Gewalt in kollektiven Verhältnissen, um deren vielfältige Dimensionen zu erfassen und kritisch zu reflektieren. Im Mittelpunkt standen sowohl unterschiedliche Definitionen und Erscheinungsformen von Gewalt als auch deren weitreichende Auswirkungen – insbesondere im Hinblick auf Erfahrungen, Erinnerungen und deren intergenerationale Weitergabe. Ein besonderer Fokus lag darauf, wie Gewalt in verschiedenen gesellschaftlichen Kontexten artikuliert, anerkannt und verarbeitet wird. Dabei wurde ein Augenmerk auf Rassismus, Antisemitismus, Transfeindlichkeit sowie geschlechtliche (und sexuelle) Aspekte von Gewalt gelegt – denn all diese Formen haben sowohl eine individuelle wie auch kollektive und somit gesellschaftliche Ebene, die es zu betrachten gilt. Divergenzen und Kontinuitäten fanden Beachtung ebenso wie explizite und implizite Formen und Wirkweisen von Gewalt. 

Diese Perspektiven und weitere fanden im Rahmen des Symposiums Platz. Es wurden Ansätze aus den Bereichen der Psychoanalyse, Soziologie und Kulturwissenschaft interdisziplinär miteinander verwoben und somit Raum für Austausch geschaffen, welcher ein Verständnis für die komplexen Verflechtungen zwischen subjektiven Erfahrungen, gesellschaftlichen Deutungsmustern und Prozessen der Anerkennung aus unterschiedlichen Blickwinkeln fördern soll. 

Weitere Informationen zum Programm finden Sie auf der Veranstaltungswebsite.

IPU-KKC Vortragsreihe: Perspektiven qualitativen Forschens (organisiert von Ines Gottschalk und Phil Langer)
April - Juli 2025 | Ruhr-Universität Bochum, IPU Berlin und Zoom

Qualitative Forschung verspricht viel: eine tiefgehende Auseinandersetzung mit psychosozialen Wirklichkeiten und Dynamiken, die Eröffnung differenzierter Perspektiven auf komplexe Phänomene, die Anerkennung der „lived experience“ der Forschungspartner*innen, die systematische Berücksichtigung forschender Subjektivität(en), die diskursive Repräsentation marginalisierter Gruppen, mit der Forschung einen emanzipatorischen Beitrag zu gesellschaftlichem Wandel und sozialer Gerechtigkeit zu leisten.

Wie werden wir in unserer Forschungspraxis den damit einhergehenden epistemologischen und method(olog)ische Anforderungen gerecht? Programmatische Forderungen nach einer „starken Reflexivität“ und dem stärkeren Einbezug von Emotionen und Affekten umsetzen, erweist sich als tricky. Partizipative und transdisziplinäre Ansätze bringen Zumutungen für den etablierten Forschungsdiskurs mit sich, die auf Abwehr stoßen. Die Arbeit in Interpretationsgruppen wird oft als eine Möglichkeit der methodischen Kontrolle gesehen – wobei die damit einhergehenden Annahmen der Demokratisierung von Wissensproduktion und der kollaborativen Generierung eines multiperspektivischen und so „besseren“ Wissens oft unreflektiert bleiben. In politisch, emotional und normativ aufgeladenen Forschungsfeldern (nicht zuletzt rund um Trauma, Hegemonie und Gewalt) kommen zudem methodologisch und ethisch herausfordernde Vorstellungen zum Umgang mit Verletzlichkeit, Anerkennung, Erinnerung und Zeugenschaft in qualitativen Forschungssettings dazu.

In der gemeinsamen Veranstaltungsreihe von IPU und KKC setzten wir uns mit der Frage auseinander, wie mit diesen methodischen Anforderungen in der konkreten Forschungspraxis umgegangen wird, wie wir als Forschende mit ihnen ringen (und an ihnen scheitern können). Anhand paradigmatischer Projektbeispiele reflektierten wir methodologische Grundlagen sowie die damit verbundenen forschungspraktischen Gestaltungsspielräume und vielfachen Spannungsfelder. 


Programm

Donnerstag, 24. April 2025, 16.15 – 17.45 Uhr (hybrid in Berlin)

Prof. Dr. Phil Langer (Internationale Psychoanalytische Universität Berlin): Es ist professionell, Gefühle zu haben – aber alles andere als einfach, mit Affekten und Emotionen erkenntnisproduktiv zu forschen

Donnerstag, 22. Mai 2025, 16.15 – 17.45 Uhr (Zoom)

Dr. des. Constanze Oth (Johann-Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main): „Die Verwirrung bleibt, die ist nicht zu lösen.“ Vom Anspruch von Interpretationsgruppen und was davon für demokratischere und bessere Wissensproduktion in der Wirklichkeit bleibt

Dienstag, 3. Juni 2025, 16.45 – 17.45 Uhr (hybrid in Bochum)

Prof. Dr. Carol Kidron (University of Haifa, Israel): Qualitative research in the context of trauma and commemoration

Donnerstag, 3. Juli 2025, 16.45 – 17.15 Uhr (hybrid in Bochum)

Dr. Ines Gottschalk (Ruhr-Universität Bochum): Heilsames Erzählen und Zeugenschaft im Kontext qualitativer Forschung: Was kann qualitative Forschung im Vergleich zu therapeutischen Settings (nicht) leisten?



Symposium "Anerkennung im Wandel: Zwischen Theorie und Forschungspraxis" (organisiert von Ines Gottschalk und Paul Schreiber)
Mi., 12.06. bis Fr., 14.06.2024 | Ruhr-Universität Bochum, UFO 0/09 und Zoom

Das Symposium widmete sich einer wichtigen Schnittstelle zwischen theoretischen Konzepten von Anerkennung und ihren methodologischen und forschungspraktischen Implikationen. Anerkennung wurde aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive beleuchtet, während gleichzeitig die Umsetzbarkeit und Auswirkungen von (versagter) Anerkennung in der Forschungspraxis thematisiert wurden. Theoretische Erkenntnisse wurden mit praktischen Erfahrungen verbunden. Den Teilnehmenden wurde ermöglicht, neue Perspektiven auf die Bedeutung von Anerkennung in verschiedenen gesellschaftlichen und akademischen Kontexten zu gewinnen.

Weitere Informationen zum Programm finden Sie auf dem Ankündigungsplakat und im Booklet of Abstracts.


Symposium "Kollektive Gewalt. Forschen zwischen Artikulation, Aushandlung und Anerkennung" (organisiert von Kira Rudolph und Verena Muckermann)
Mi., 17.01. bis Fr., 19.01.2024 | Ruhr-Universität Bochum, UFO 01/07 und Zoom

Nahezu alle Gesellschaften sind durch "historische Verletzungsverhältnisse" geprägt, in denen sich vielfältige Formen und Folgen (oft auch exzessiver) kollektiver Gewalt beobachten lassen. Sowohl in der Forschung als auch in politischen Diskursen wird zunehmend die Relevanz der öffentlichen Artikulation solcher erlittener Verletzungen und ihrer Anerkennung betont. Die Bezeugung von Ungerechtigkeit, Gewalt und Leid sind demnach wichtige Bestandteile ihrer politischen Aufarbeitung und psychosozialen Verarbeitung. Das IPU-KKC-Graduiertenkolleg stellte sich - auch in diesem Symposium - die Aufgabe, die besonderen Lagen und Herausforderungen in solchen gesellschaftlichen Figurationen zu erforschen und dabei multi- und interdisziplinäre Perspektiven ins Zentrum zu rücken, ohne andere Blickwinkel - etwa politische, mediale oder rechtliche - und Perspektiven von Betroffenen selbst aus dem Blick zu verlieren. Doch wie kann Forschungs zwischen Prozessen (ausbleibender) Artikulation, Aushandlung und Anerkennung gelingen? Das Ziel des dreitägigen Symposiums war es, konkrete Beispiele aus der (Forschungs-)Praxis zu diskutieren und die mit der Erforschung kollektiver Gewaltphänomene einhergehenden Herausforderungen für Forscher*innen zu thematisieren.

Hier finden Sie weitere Informationen zum Programm und insbesondere zu der im Rahmen des Symposiums stattgefundenen Kunstausstellung von Ghazwan Assaf auf Deutsch und Arabisch

Eröffnung des Graduiertenkollegs
Sa., 28.01.2023 | IPU Berlin

Am 28. Januar 2023 um 17:00 Uhr eröffneten die Internationale Psychoanalytische Universität Berlin (IPU) und das Hans Kilian und Lotte Köhler-Centrum für sozial- und kulturwissenschaftliche Psychologie und historische Anthropologie (KKC) der Ruhr-Universität Bochum ein gemeinsames Graduiertenkolleg. Finanziert wird es von der Stiftung zur Förderung der universitären Psychoanalyse und der Köhler-Stiftung. Institutionalisierte kooperative Graduiertenförderung von staatlichen und nicht-staatlichen Hochschulen ist in Deutschland eine Seltenheit.

Das wissenschaftliche Rahmenthema des Kollegs, in dem sechs junge Wissenschaftlerinnen bzw. Wissenschaftler promovieren werden, lautet
Traumata und kollektive Gewalt: Artikulation, Aushandlung und Anerkennung.

Nachdem die Veranstaltung von IPU-Präsident Prof. Dr. Jan-Hendrik Olbertz, dem Co-Direktor des KKC, Dr. Pradeep Chakkarath und dem ersten Sprecher des Kollegs, Prof. Dr. Jürgen Straub (KKC) eröffnet wurde, sprach der Sozialwissenschaftler und Migrationsforscher Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani (Universität Osnabrück) zum Thema "Zwischen Diskriminierung und Anerkennung: Potentiale und Herausforderungen in der superdiversen (Klassen-)Gesellschaft".

Anschließend diskutierte er mit den Promovierenden unter Moderation des zweiten Sprechers des Kollegs, Prof. Dr. Andreas Hamburger (IPU) im Panel. Der Abend klang mit einem Büfett aus.

Projekte

Vulnerabilität, Konflikt und epistemische Verantwortung in pluralen Gesellschaften: Qualitative Analysen konflikthafter Zugehörigkeits- und Anerkennungsordnungen 

Das kumulative Habilitationsprojekt untersucht, wie konflikthafte Zugehörigkeits- und Anerkennungsordnungen in pluralen Gesellschaften entstehen und verhandelt werden. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass gesellschaftliche Polarisierung nicht nur divergierenden Interessen entspringt, sondern historisch gewachsenen Gewalt- und Konfliktdynamiken, die Wahrnehmungen von Verantwortung, Zugehörigkeit und moralischer Positionierung strukturieren.

Im Zentrum steht Vulnerabilität als relationales, sozial situiertes Phänomen. Sie wird nicht als individuelle Eigenschaft verstanden, sondern als gesellschaftlich strukturierte Disposition, die bestimmt, welche Erfahrungen Anerkennung finden, welche Stimmen legitim erscheinen und wie Konflikte epistemisch gerahmt werden.

Untersucht werden konfliktsensible Bildungs-, Dialog- und Forschungssettings als Arenen, in denen Deutungsmacht, Affekt und epistemische Autorität ausgehandelt werden. Das Projekt analysiert, unter welchen Bedingungen Irritation, Widerstand oder Reflexion entstehen und wie qualitative Forschung sowie Lehre selbst Teil dieser Aushandlungsprozesse werden.

Theoretisch ist das Vorhaben an der Schnittstelle von Kulturpsychologie, interpretativer Sozialforschung sowie Konflikt-, Friedens- und Demokratietheorie verortet. Methodologisch basiert es auf qualitativ-interpretativen Analysen affektiver und normativ aufgeladener sozialer Felder.

Ziel ist die theoretische Präzisierung von Vulnerabilität und die Ausarbeitung epistemischer Verantwortung als Leitprinzip für Forschung und Lehre unter Bedingungen demokratischer Spannungen.

Kurzbiographie:

Dr. Ines Gottschalk ist Sozialwissenschaftlerin mit einem kulturpsychologischen Schwerpunkt und forscht zu Konflikt, Vulnerabilität und Wissensproduktion in pluralen Migrationsgesellschaften. Ihr Profil verbindet interpretative qualitative Methoden mit Analysen konfliktsensibler Bildungs- und Dialogformate.

Sie studierte Sozialwissenschaft und Soziologie an der Universität Bielefeld, der Bilgi Universität Istanbul und der Ruhr-Universität Bochum. In ihrer Masterarbeit analysierte sie unter Betreuung von Prof. Dr. Ludger Pries Etablierten-Außenseiter-Dynamiken im Kontext der EU-2-Zuwanderung. Ihre Promotion bei Prof. Dr. Jürgen Straub (gefördert durch das Cusanuswerk) widmete sich mikrosoziologischen und kulturpsychologischen Analysen von Beziehungsgestaltung und Identitätsentwicklung in Gastfamilien für unbegleitete minderjährige Geflüchtete.

Von 2016 bis 2021 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin im QPL-geförderten Projekt inSTUDIESplus an der Ruhr-Universität Bochum. Dort forschte sie zu sozialem Engagement, präfigurativen Politiken und Öffentlicher Soziologie und entwickelte gemeinsam mit Prof. Dr. Sabrina Zajak das Konzept der Öffentlichen Lehrforschung.

Seit 2022 koordiniert sie das Graduiertenkolleg „Traumata und kollektive Gewalt: Artikulation, Aushandlung und Anerkennung“ an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin.

Ines Gottschalk, Dr. ines.gottschalk@ipu-berlin.de

Kontinuitäten und Brüche in der Artikulation, Aushandlung und Anerkennung rechtsterroristischer Gewalt in Deutschland. Eine zeithistorische Studie.

Betreuung: Prof. Dr. Katja Sabisch und Prof. Dr. Stefan Berger

Die bislang unzureichende Historisierung des rechtsextremen Terrors in Deutschland begünstigte Betrachtungen, die rechtsterroristische Phänomene der Gegenwartsgesellschaft ausschließlich als isolierte Entitäten behandeln. Die Dissertation adressiert dieses Forschungsdesiderat und setzt sich mit der Frage auseinander, inwiefern rechtsterroristische Gewalt in Deutschland historisch aufgearbeitet, aber auch erlebt und erinnert wurde/wird. In Bezug auf die öffentliche Artikulation, Aushandlung und Anerkennung des rechtsextremen Terrors in Deutschland werden potenzielle Kontinuitäten und Brüche untersucht, um einen möglichen Wandel im diskursiven Umgang mit rechtsterroristischer Gewalt sowie den damit verbundenen Traumata zu eruieren. Die Dissertation fokussiert demgemäß die (historische) Präsenz der Opfer rechtsterroristischer Gewalt in der Öffentlichkeit – ebenso wie das Fehlen von Aufmerksamkeit und die (Weiter-)Entwicklung entsprechender Perspektiven. Die fragliche Artikulation, Aushandlung und Anerkennung der Opfer wird dabei anhand ausgewählter rechtsterroristischer Phänomene (Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, NSU, Hanau) diskursanalytisch erforscht.

Kurzbiographie
Yassir Jakani studierte Geschichtswissenschaft, Germanistik und Bildungswissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Bereits frühzeitig interessierte er sich für forschungsübergreifende Studien – insbesondere im Bereich der Extremismus- und Terrorismusforschung. In seiner Bachelorarbeit erforschte er die strukturelle und ideologische Genese der islamistischen Muslimbruderschaft. In seiner Masterarbeit untersuchte er die historischen Perspektiven eines transnationalen Extremismus in Deutschland am Beispiel der extremistischen Ülkücü-Bewegung („Graue Wölfe“). Hierbei beschäftigte er sich auch mit den Notwendigkeiten und Potenzialen einer adäquaten Extremismusprävention in der postmigrantischen Gesellschaft.

Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Extremismus-, Terrorismus- und Gewaltforschung, Rassismus- und Migrationsforschung sowie (historisch-)politische Bildung in der Migrationsgesellschaft.

Yassir Jakani, M.Ed. yassir.jakani@rub.de

Repräsentationen staatlicher Gewalt in Syrien: Das Leben in der (biografischen) Schwebe als gesamtgesellschaftliche Konsequenz staatlicher Gewalt während der Assad-Diktatur 
Wie gewalttätige Ereignisse definiert, beschrieben und wiedererzählt werden hat Konsequenzen dafür, wie Betroffene mit den Auswirkungen jener Ereignisse umgehen (können) – sowohl auf individueller als auch auf gesellschaftlicher Ebene. Der Fokus dieses Dissertationsprojekts liegt daher auf den verschiedensten Repräsentationen der staatlichen Gewalt in Syrien während der Assad-Diktatur (insbesondere seit dem Jahr 2011) sowie auf deren Auswirkungen für die syrische Bevölkerung. Sie umfasst im Kern drei aufeinander aufbauende Teile. (1) Die Exploration der vorherrschenden Narrative über die staatliche Gewalt in Syrien und ihre Implikationen, (2) das Leben der syrischen Bevölkerung in einem (biografischen) Schwebezustand als Konsequenz der spezifischen staatlichen Gewalt und (3) verschiedenste (öffentliche und private) Umgangsformen mit diesem Schwebezustand.

Das Projekt verfolgt eine kulturpsychologische Perspektive und bezieht sich auf vielfältige Arten qualitativer Daten, die in Zusammenarbeit mit Syrer*innen im europäischen Exil erhoben wurden.

Kurzbiographie
Verena Muckermann studierte "Kultur, Individuum und Gesellschaft" und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum und beschäftigte sich in ihrer empirischen Bachelorarbeit unter anderem mit der Frage nach psychosozialen Spätfolgen des südafrikanischen Apartheid-Systems mit besonderem Fokus auf nachfolgende Generationen.

Für ihr Masterstudium zog es sie an die VU Amsterdam, wo sie den M.Sc. „International Crimes Conflict and Criminology“ (cum laude) absolvierte. Ihre Abschlussarbeit, die mit dem Gert-Sommer-Preis 2022 des Forums Friedenspsychologie e.V. ausgezeichnet wurde und die Basis für ihr derzeitiges Promotionsprojekt bildet, fragt nach den Bedürfnissen und Gerechtigkeitskonzepten in Deutschland lebender syrischer Überlebender internationaler Verbrechen. In parallelen und darauffolgenden Zusatzstudien im Studienprogramm Kultur und Person der RUB konzentrierte Verena Muckermann sich vor allem auf kollektive Gewaltpraktiken in Ruanda und Syrien und die intergenerationale Weitergabe von Gewalterfahrungen am Beispiel der Region Dersim in der Türkei.

Neben dem Studium arbeitete sie am Institut für Entwicklungsforschung und Entwicklungspolitik (IEE) und am Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie der Ruhr-Universität Bochum, am Lehrstuhl Wissenschaft und Technik für Frieden und Sicherheit der TU Darmstadt (PEASEC) sowie am Center for International Criminal Justice (CICJ) der VU Amsterdam. Bis heute ist sie Fellow am Amsterdam Laboratory for Legal Psychology (ALLP), an dem sie das Forschungsprojekt des CICJ zur Rolle von Kultur in Zeug*Innenaussagen vor internationalen Straftribunalen weiter begleitet.

Seit Februar 2023 ist Verena Muckermann wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie der RUB, wo sie insbesondere für das BMBF-Verbundprojekt „Netzwerk Lokale Konflikte und Emotionen in Urbanen Räumen: Transdisziplinäre Konfliktforschung in Wissenschaft-Praxis-Kooperationen“ (LoKoNet) tätig ist. In ihrer Freizeit engagiert Verena Muckermann sich ehrenamtlich als Fußballtrainerin der Juniorinnen Westfalenauswahl und ist in der Vereinsberatung sowie Aus- und Fortbildung von Trainer*innen und Referent*innen für das Thema Wertebildung im Jugendfußball aktiv.

Verena Muckermann, M.Sc. verena.muckermann@rub.de oder verena.muckermann@tu-dortmund.de

Sexuelle und sexualisierte Gewalt gegen weibliche Häftlinge in NS-Konzentrationslagern. Eine Untersuchung psychosozialer Spätfolgen vor dem Hintergrund anhaltender Stigmatisierungen und versagter Anerkennung
Sexuelle und sexualisierte Gewalt in den nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagern wurde bis in die 1970er, auch in wissenschaftlichen Arbeiten, weithin zur Randbemerkung abqualifiziert. Auch das Geschlecht und die geschlechtsspezifischen Erfahrungen der Verfolgten wurden vernachlässigt. Bis heute sind die verschiedenen vom NS-Regime betriebenen Bordelle unzureichend erforscht. Ebenso spielen die sexuellen und sexualisierten Gewalterfahrungen in der Erinnerungsarbeit kaum eine Rolle. Das Forschungsvorhaben nimmt das beschriebene Spannungsfeld zwischen der geschehenen exzessiven Gewalt, dem Verschweigen bzw. Verleugnen dieser und ihrer persönlichen Aufarbeitung in den Blick. Um die beschriebene Dethematisierung erklären zu können, sollen sowohl individuelle als auch gesellschaftliche Prozesse bedacht werden, die mithilfe psycho- und sozioanalytischer Perspektiven untersucht werden.

Kurzbiographie
Kira Rudolph schloss sowohl ihren B.A. in Sozialwissenschaften als auch ihren M.A. im Studienprogramm „Kultur und Person“ mit Auszeichnung an der Ruhr-Universität Bochum ab. In ihrer Masterarbeit beschäftigte sie sich bereits mit den Folgen sexueller und sexualisierter Gewalt gegen jüdische Frauen in der Shoah.

Während ihres Studiums wurde sie im Rahmen des Deutschlandstipendiums von der Köhler-Stiftung gefördert. Im Hans-Kilian-Studierendenkolleg organisierte sie in Zusammenarbeit mit ihren Mitstipendiat*innen Veranstaltungen zu den beiden Themenschwerpunkten Verschwörungstheorien und kollektive Gewalt. Während des Studiums arbeitete sie außerdem als studentische Hilfskraft im Tutorienprogramm der sozialwissenschaftlichen Fakultät und als wissenschaftliche Hilfskraft am Lehrstuhl für Sozialtheorie und Sozialpsychologie.

Seit 2022 ist sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für „Sozialtheorie und Sozialpsychologie“ tätig. Zusammen mit Prof. Dr. Jürgen Straub leitete sie regelmäßig Seminare zum Thema „Inter-/ Transkulturalität und interkulturelle Kompetenz“. Ihre Forschungs- und Interessensschwerpunkte liegen in den Bereichen Sozial- und Kulturpsychologie, Gewaltforschung, Antisemitismusforschung, Gender Studies und interkulturelle Kommunikation und Kompetenz.

Kira Rudolph, M.A. kira.rudolph@rub.de

Logik des Verwaltungssystems: Integrationsbeauftragte als Kompensation erhöhter Komplexität
Das Promotionsprojekt von Paul R. Schreiber wird von Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani betreut. Es ist im Bereich der systemtheoretischen Organisationsforschung angesiedelt und untersucht Verwaltungshandeln in der deutschen Integrationsverwaltung.
Im Mittelpunkt steht die Analyse administrativer Organisationen und ihrer Entscheidungsprozesse unter Bedingungen erhöhter organisatorischer, semantischer und gesellschaftlicher Komplexität. Untersucht wird, wie Verwaltungsorganisationen widersprüchliche Erwartungen verarbeiten und durch spezifische Strukturen ihre Entscheidungsfähigkeit sichern. Ein besonderer Fokus liegt auf der Rolle von Integrationsbeauftragten als organisationalen Arrangements, mit denen Verwaltung auf querliegende Zuständigkeiten, unklare Erwartungslagen und erhöhte Koordinationsanforderungen reagiert.
Die Integrationsverwaltung dient dabei als empirisches Beispiel eines organisationsübergreifenden Verwaltungsfeldes, das sich durch eine hohe Verflechtungsdichte und eine besondere Anfälligkeit für gesellschaftliche Irritationen auszeichnet. Die Arbeit rekonstruiert, wie sich diese Bedingungen in Verwaltungsstrukturen und Entscheidungsprogrammen niederschlagen und wie daraus Formen administrativer Komplexitätsverarbeitung hervorgehen.
Disziplinär ist das Dissertationsvorhaben in der Soziologie verortet. Es weist enge Bezüge zur systemtheoretischen Organisationsforschung und zur Verwaltungssoziologie auf und ist anschlussfähig an die Migrationsforschung sowie an verwaltungswissenschaftliche Diskussionen zu Verflechtung, Komplexität und organisationaler Differenzierung.

Kurzbiographie
Paul R. Schreibers Forschung ist in der Soziologie verankert, mit Schwerpunkten in der Verwaltungssoziologie, -psychologie, reflexiven Migrationsforschung und kritischen Stadtforschung. In seinem Dissertationsprojekt fokussiert er sich auf die Implementierung von Integrationspolitik, insbesondere die Entscheidungsprozesse und Autorität der Street-level Bureaucrats. Zusätzlich verfügt Schreiber über Expertise in den Bereichen soziale (Des-)Integration, soziale Ungleichheit und Anerkennung.

Er erlangte seinen Bachelor of Arts in Soziologie und Philosophie an der Universität Tübingen, gefördert durch die Hans-Böckler-Stiftung und schloss seine Bachelorarbeit über „Anerkennung im Spiegel des Nationalen Integrationsplans“, betreut von Prof. Dr. Boris Nieswand, mit Auszeichnung ab. Für seinen Master wechselte Schreiber an die Universität Wien, Österreich, wo er seinen Master of Arts in Soziologie ebenfalls mit Auszeichnung und Förderung durch die Hans-Böckler-Stiftung absolvierte. Seine Masterarbeit „Zur Systematisierung der Integration - Anerkennung in der Integrationspraxis der Berliner Senatsverwaltung“, betreut von Prof. Dr. Yuri Kazepov, erhielt die Bestnote. Nach seinem Masterstudium wurde ihm das Leistungsstipendium der Universität Wien für seine herausragenden akademischen Leistungen verliehen.

Beruflich war Schreiber während seines Bachelorstudiums als studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Boris Nieswand an der Universität Tübingen tätig. Während seines Masterstudiums arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter (Prae-Doc) am Institut für Soziologie der Universität Wien unter Prof. Dr. Yuri Kazepov. Hier koordinierte er maßgeblich die von ihm und Frau Prof. Dr. Ayse Caglar geleitete Forschungsplattform „The Challenge Of Urban Futures“ im Bereich der interdisziplinären Stadtforschung.

Schreibers Fähigkeiten umfassen die Organisation und Durchführung wissenschaftlicher Veranstaltungen und Konferenzen. Er ist erfahren in quantitativen und qualitativen Forschungsdesigns, in der Durchführung und Analyse von Interviews und hat eine solide Basis in der universitären Lehre.

Fließend in Deutsch und Englisch, ist Schreibers akademische Laufbahn geprägt von internationaler Zusammenarbeit, sichtbar in seiner Beteiligung und Organisation verschiedener Konferenzen und Seminare sowie längeren Auslandsaufenthalten, unter anderem einem Erasmus+ Praktikum an der Panteion-Universität in Athen bei Prof. Dr. Nikos Kourachanis. Seit 2023 ist er Koordinator des Forschungskolloquiums „Undisciplined Knowledge at the University of Tübingen“ und Mitglied des Standing Commitee „Reflexivities in Migration Studies“

Paul Robert Schreiber, M.A. paul.schreiber@ipu-berlin.de

Unbewusste Tatmotive und latente Konfliktdynamiken verurteilter Sexualstraftäter: Zur bidirektionalen Wirkung von Traumata am Gegenstand der sexuellen Grenzverletzung
Im Jahr 2023 gab es in Deutschland über 19.000 Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff. Die Dunkelziffer liegt deutlich höher. Ein Großteil der Übergriffe wird durch Männer begangen, die Betroffenen sind überwiegend Frauen. Sexuelle Grenzverletzungen haben oft traumatischen Charakter und richten individuell wie gesellschaftlich verheerenden Schaden an. Die Verhinderung sexueller Grenzverletzungen stellt somit eine dringende gesellschaftliche Aufgabe dar.
Als Taten, die immer auch vor dem individuellen lebensgeschichtlichen Hintergrund der Täter zu betrachten sind, sollen unbewusste Tatmotive und latente Konfliktdynamiken sexueller Grenzverletzungen als Basis einer nachhaltigen Prävention und therapeutischen Bearbeitung in ihrer Tiefenstruktur verstanden werden.
Ein besonderes Schlaglicht wirft diese Arbeit auf das Trauma, das hier in einem doppelten Sinne als Zentrum einer sexuellen Grenzverletzung konzeptualisiert wird. So geht dem Trauma, das jene erleiden, die von einer sexuellen Grenzverletzung betroffen sind, kehrseitig nicht selten eine Traumatisierung auf der Seite jener, die die sexuelle Grenzverletzung begehen, voraus.
Diese Doppelbödigkeit des Traumas wird im Rahmen der Arbeit untersucht: Die Durchschlagskraft eines Traumas wird als eine bidirektionale verstanden und das Trauma am Gegenstand der sexuellen Grenzverletzung in seiner Gleichzeitigkeit von (potenzieller) Ursache und Wirkung untersucht.
Präventive und therapeutische Interventionen brauchen auf individueller wie auf gesellschaftlicher Ebene eine gelingende Aushandlung (innerer) Konflikte. Die Artikulation erfahrener und begangener Gewalt als Basis einer solchen Aushandlung geht notwendigerweise auf eine Anerkennung dieser Gewalt zurück. Vor dem Hintergrund der traumatischen Wirkung von Gewalt, als etwas, das nicht integrierbar und nicht verbalisierbar ist, stellt dies eine besondere Herausforderung dar.
Der Frage, in welcher Art und Weise die Bidirektionalität des Traumas, als Erlittenes und Zugefügtes, anerkannt,artikuliert und ausgehandelt wird, soll anhand narrationsanalytischer und tiefenhermeneutischer Untersuchungen biografisch-narrativer Interviews mit verurteilten Sexualstraftätern nachgegangen werden.

Kurzbiographie
Anna Schmidtke studierte Psychologie an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin und an der Humboldt-Universität zu Berlin. Anschließend war sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Internationalen Psychoanalytischen Universität in verschiedenen Psychotherapieforschungsprojekten tätig. Gegenwärtig absolviert sie die Ausbildung zur Psychoanalytikerin und tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin. Ihre Forschungsschwerpunkte bewegen sich im Spannungsfeld zwischen Psychoanalyse, Gewalt-, Trauma- und Sexualforschung.

Anna Schmidtke, M.Sc., anna.schmidtke@ipu-berlin.de

Betrachtung der gesellschaftlichen Entwicklungen unter der Aktualität des 07. Oktobers 2023 – eine sozialpsychologische und psychoanalytische Untersuchung
Das Promotionsprojekt möchte sich die Entwicklungen und Veränderungen in der deutschen Gesellschaft mit dem Bezugspunkt des 07. Oktobers 2023 anschauen. Anhand von biographischen Einzelinterviews, die mit einem tiefenhermeneutischen und sozialisationstheoretischen Ansatz ausgewertet werden, soll das Thema aus sozialpsychologischer und psychoanalytischer Perspektive verhandelt werden.

Kurzbiographie
Doreen Zeymer-von Metnitz hat ihren Bachelor sowie Master in Psychologie an der Internationalen Psychoanalytischen Universität Berlin absolviert. Parallel dazu erlangte sie den Master in Interdisziplinärer Antisemitismusforschung an der TU Berlin. Während ihres Studiums wurde sie durch ein Deutschlandstipendium gefördert und arbeitete als studentische Hilfskraft bei Prof. Dr. Benigna Gerisch. Sie engagierte sich in verschiedenen Bereichen, unter anderem durch ehrenamtliche Arbeit in der Geflüchtetenhilfe und die Organisation einer Projektwoche zur deutschen Erinnerungskultur. Des Weiteren war sie im Zentrum für Kriegs- und Folterüberlebende Hemayat in Wien tätig und absolvierte ein Forschungspraktikum am Sigmund-Freud-Institut. Nach Abschluss ihres Studiums begann sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin in verschiedenen Projekten an der IPU Berlin zu arbeiten und begann ihre Ausbildung zur Psychoanalytikerin und tiefenpsychologisch fundierten Psychotherapeutin am Berliner Institut für Psychotherapie und Psychoanalyse. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in verschiedenen Bereichen der psychoanalytischen Sozialforschung.

Doreen Zeymer-von Metnitz, M.A. doreen.zeymer@ipu-berlin.de

Kontakt

Graduiertenkolleg (GraKo) IPU-KKC "Traumata und kollektive Gewalt: Artikulation, Aushandlung und Anerkennung"

Dr. Ines Gottschalk (bis Juli 2026)
Koordinatorin des IPU-KKC-Graduiertenkollegs "Traumata und kollektive Gewalt: Artikulation, Aushandlung und Anerkennung"

IPU Berlin
Stromstraße 1
D- 10555 Berlin
E-Mail: ines.gottschalk@ipu-berlin.de 

Paul S. Ruppel (ab Januar 2026)
Koordinator des IPU-KKC-Graduiertenkollegs "Traumata und kollektive Gewalt: Artikulation, Aushandlung und Anerkennung"

Technische Universität Dortmund
Fakultät Sozialwissenschaften
Fachgebiet Migrations- und Bildungssoziologie
Raum: 08.01.05b
Martin-Schmeißer-Weg 8
D- 44227 Dortmund
E-Mail: paul-sebastian.ruppel@tu-dortmund.de